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Säugetieren auf der Spur

Fachleute erfassen zurzeit landesweit Säugetiere im Rahmen der Arbeiten zum neuen Verbreitungsatlas der Säugetiere. Dabei kommen verschiedene Methoden zum Einsatz, die Experten des Naturmuseums Thurgau im Seebachtal vorstellten.

Säugetiere beschäftigen den Menschen seit Jahrtausenden als Beutetiere und Konkurrenten oder als Nutz- und Haustiere. Trotzdem sind nur wenige der rund 90 wildlebenden einheimischen Säugetierarten einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Selbst unter Fachleuten ist der Wissensstand über zahlreiche Arten erstaunlich gering. Ein landesweit angelegtes Projekt möchte dies ändern. Das Naturmuseum Thurgau ist als lokaler Projektpartner daran beteiligt.

Neuer Verbreitungsatlas für die Schweiz
Fachleute arbeiten an der Herausgabe eines neuen «Verbreitungsatlas der Säugetiere der Schweiz und Liechtensteins», der 2020 erscheinen soll. Herausgeberin ist die Schweizerische Gesellschaft für Wildtierbiologie SGW-SSBF (www.sgw-ssbf.ch). Das Wissen um die Verbreitung vieler Säugetierarten der Schweiz weist derzeit jedoch Lücken auf. Ein Teil der Lücken wird im Rahmen der Arbeiten zum neuen Säugetieratlas mit Feldprojekten durch Experten geschlossen. Dabei kommen verschiedene Methoden zum Einsatz, mit denen Säugetiere einfach und ohne Störung nachgewiesen werden können. Das Naturmuseum Thurgau und beigezogene Fachleute geben im Seebachtal Einblick in die Methoden für die wissenschaftliche Jagd nach Säugetieren.

Mit dem Werk wird eine neue Grundlage für den zukünftigen Schutz und die zukünftige Förderung der einheimischen Säugetierarten geschaffen. Darüber hinaus sind mit der Herausgabe des neuen Säugetieratlas aber noch weitere Ziele verknüpft:

• Standortbestimmung der Säugetierforschung in der Schweiz
• Basis für Naturschutz, Ökologie und Vermittlung
• Stimulierung der Säugetierforschung an Fachhochschulen und Universitäten
• Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Lebensraumansprüche der Säugetiere

Verschiedene Artengruppen werden von verschiedenen Arbeitsgruppen schweizweit bearbeitet. Dabei kommen, je nach Arten die im Fokus stehen, unterschiedliche Methoden zum Einsatz, mit denen Säugetiere einfach und ohne Störung nachgewiesen werden können.

Fotofallen mit Fischsuppe
Automatische Fotofallen kommen in der Säugetierforschung seit geraumer Zeit zur Anwendung. Sie erlauben den sicheren Nachweis unterschiedlich grosser Arten vom Wildschwein bis zum Hermelin aber auch von Arten mit einer nächtlichen oder heimlichen Lebensweise. Fotofallen bestehen aus einer Fotokamera und einem für Wildtiere unsichtbaren Infrarotblitz in einem wasserdichten Gehäuse. Die Kameras werden gezielt in verschiedenen Lebensraumtypen ausgebracht, in denen die verschiedenen Arten zu erwarten sind. Mit einer Montagehöhe von 20-60 cm ab Boden können kleinere wie grössere Arten erfasst werden. Gleichzeitig ist damit die Privatsphäre von Passanten gewährleistet, da höchstens deren Beine fotografiert werden.

Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ein Tier vor die Kamera läuft, kommen gelegentlich Lockstoffe zur Anwendung. Im Seebachtal hat sich eine «Fischsauce», abgefüllt in eine vor der Kamera stehende PET-Flasche, bewährt. Durch den intensiven Geruch der Flüssigkeit angelockt treibt Neugier die Tiere an den Kamerastandort. In einer Studie im Seebachtal konnten auf diese Weise an elf Kamerastandorten über einen Zeitraum von fünfeinhalb Monaten insgesamt elf verschiedene Säuretierarten wie Wildschwein, Biber, Eichhörnchen oder Hermelin zum Teil mehrfach nachgewiesen werden.

Die Methode liefert in vielen Fällen eindeutige Nachweise und manchmal lassen sich damit sogar Individuen einer Art voneinander unterscheiden. Sie ist aber wegen der Anschaffung der Geräte kostenintensiv und erfordert eine regelmässige Kontrolle der Geräte bzw. ein regelmässiges Wechseln der Speicherkarten. Zudem ist die Auswertung der oft grossen Zahl an Bildern zeitaufwendig.

Mit dem Tunnel auf Spurenjagd
Besonders bei mittelgrossen und kleineren Säugetierarten wie bei Baummarder, Illtis, Hermelin und Mauswiesel oder Mäusen und Schläfern (z.B. Siebenschläfer oder Gartenschläfer) ist auf Grund ihrer versteckten Lebensweise ein direkter Nachweis nur schwer möglich. Auch automatische Fotofallen sind dafür nur bedingt geeignet, da die Auslöseverzögerung der Geräte oft zu gross ist, um die kleinen, sich flink fortbewegenden Tiere zuverlässig zu erfassen. Der indirekte Nachweis mit Hilfe von Spurentunnel bietet sich bei diesen Arten als alternative Methode an. Dabei kommen Tunnel aus Holz zum Einsatz. Im Tunnel wird ein Laubfrettchen gleicher Länge eingeschoben, auf welchem in der Mitte ein Stempelkissen mit ungiftiger Tinte befestigt ist. Daran anschliessend befindet sich auf jeder Seite ein mit Fixiermittel imprägniertes Papier. Tiere, welche durch den Tunnel laufen, benetzen die Pfoten mit der Tinte und hinterlassen auf dem Papier Abdrücke ihrer Zehen- und Sohlenballen. Die Bestimmung aufgrund von Grösse und Form ist im Idealfall bis auf Artniveau möglich, erfordert aber Erfahrung.

Ähnlich der Fotofallenkameras ist eine regelmässige Kontrolle der Spurentunnel aufwendig. Die Anschaffungskosten sind aber geringer und auch die Auswertung der Spurenblätter kostet – sofern auswertbare Spuren darauf sind – weniger Zeit. Je nach nachzuweisender Art müssen die Fallen jedoch mehrere hundert Nächte im Feld stehen, da die Wahrscheinlichkeit eines Tunnelbesuchs doch gering und zufällig ist.

Mit leeren Tetrapackungen, Tinte und Papier lässt sich auch ein einfaches Modell herstellen und im eigenen Garten auslegen – ein spannendes Vergnügen gerade auch für Kinder oder ganze Schulklassen, die kleine Säugetiere rund ums Schulhaus nachweisen können! Auf der Webseite des Naturmuseums www.naturmuseum.tg.ch findet sich eine Bauanleitung mit hilfreichen Tipps für den erfolgreichen Einsatz eines Spurentunnels, eine Bestimmungshilfe für Spuren und weitere Informationen. Damit kann auch die interessierte Bevölkerung bei der Datenaufnahme für den Säugtieratlas aktiv mithelfen.


Die Bevölkerung kann mithelfen!
Wer hat nicht schon im Garten einen Igel entdeckt, auf dem Spaziergang ein Hermelin gesehen oder im Kompost eine Spitzmausfamilie gefunden? Solche Beobachtungen, aber auch Spuren oder Totfunde von Säugetieren können mit Funddatum und Fundort auf der Webseite www.säugetieratlas.wildenachbarn.ch eingetragen werden. Jede Meldung ist wichtig und liefert wertvolle Hinweise zur Verbreitung unserer wildlebenden Säugetiere. Das Naturmuseum Thurgau ist regionaler Partner des Projektes. Es macht Öffentlichkeitsarbeit, nimmt Totfunde entgegen und beantwortet Fragen aus der Bevölkerung. Infos: www.naturmuseum.tg.ch

Exkursion Wilde Nachbarn in der Stadt am 20. August
Was haben Fuchs, Dachs, Igel, Taube und Eichhörnchen gemeinsam? Sie alle leben mitten unter uns in der Stadt. Das Naturmuseum Thurgau und der WWF laden am Sonntag, 20. August, von 10.00 bis 13.00 Uhr zu einem Streifzug durch Frauenfeld ein. Gemeinsam mit einem Jagdaufseher und dem Museumsleiter durchstreifen die Teilnehmenden Frauenfeld und erfahren Spannende über die tierischen Mitbewohner. Für Erwachsene und Familien mit Kindern ab 8 Jahren.
Auskunft / Anmeldung: WWF Regiobüro AR/AI-SG-TG, St. Gallen, Tel. 071 221 72 30 / anmeldungNULL@wwfost.ch


Nachweise aus der Luft
Wo immer Tiere unterwegs sind, hinterlassen diese Spuren. Dies gilt insbesondere für die grösseren Vertreter der Säugetiere. Dank der rasanten Entwicklung auf dem Gebiet der Drohnentechnologie können diese mit der Hilfe von Drohnen-Luftbildaufnahmen ohne zeit- und kostenintensive Feldbegehungen grossräumig erfasst und kartiert werden. So lassen sich beispielsweise bestehende, stark begangene Wildwechsel vor dem Bau einer neuen Strasse lokalisieren, um daraus Schutzmaßnahmen für die Wildtiere als auch für die Verkehrsteilnehmer zu entwickeln. Ein anderes Beispiel ist die Verbreitung des Bibers im Seebachtal: Mit der Hilfe von Drohnen-Luftaufnahmen können die Aktivitätsgebiete des Bibers detailliert kartiert werden, um daraus Rückschlüsse auf die Anzahl und Grösse der Biberfamilien im Gebiet zu ziehen. Mit den gewonnenen Daten kann zudem die Lage der Biberbauten eingegrenzt werden. Zum Einsatz kommen Drohnen welche über eine gut ausgestattete hochauflösende Kamera verfügen, idealerweise klein und leicht für Einsätze im Feld sind sowie über ausreichend Flugzeit verfügen.

Publikation des neuen Verbreitungsatlasse 2020
Die mit den vorgestellten Methoden wie auch sämtliche andere landesweit gewonnen Daten über Säugetierarten während der Projektdauer werden vom Centre Suisse de Kartographie de la Faune CSCF an der Universität Neuchâtel zentral erfasst. Hier erfolgen auch die unabdingbare Qualitätskontrolle sowie die anschliessende Auswertung der Daten durch erfahrene Expertinnen und Experten. Ähnlich einem Puzzle werden aus den Datenpunkten für jede Säugetierart mit Hilfe von statistischen Methoden und mathematischen Modellen Verbreitungskarten erstellt, welche Auskunft geben über die Flächen- wie die Höhenverteilung der jeweiligen Art. Mit der Berechnung des «potenziellen Verbreitungsgebietes» einer Art ist zudem ein Blick in die Zukunft möglich.

Das Wissen und die Verbreitung und Verteilung bildet – je nach Ausgangslage – die unverzichtbare Grundlage für allfällige Massnahmen zur jagdlichen Bestandsregulierung, zum Schutz oder zur Förderung einer Säugetierart. Auch im praktischen Naturschutz und in der Beurteilung grösserer Infrastrukturprojekte fliessen aktuelle Daten zum Vorkommen von Säugetieren ein. Der neue «Säugetieratlas der Schweiz und Liechtensteins» aktualisiert das bestehende Wissen um unsere einheimischen Arten und schliesst zugleich heute vorhandene Wissenslücken. Damit wird das Werk zum unerlässlichen Hilfsmittel für die Umsetzung von Massnahmen zum zukünftigen Management von Säugtierarten in der Schweiz.


Museumsdirektor Hannes Geisser erläutert den Spurentunnel, mit dem die Fussabdrücke der Säugetiere erfasst werden können.