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Ein Langfinger im Schloss?

Man nannte sie Langfinger, die eidgenössischen Vögte im Schloss Frauenfeld. Dies, weil gemunkelt wurde, dass die fremden Herren sich am Thurgau bereichert haben. Kein Wunder, hängt nirgends im Kanton ein Porträt eines Landvogts. Dies ändert sich im Themenjahr des Historischen Museums Thurgau «Bartli & Most. Landvögte im Thurgau» auf Schloss Frauenfeld, wo seit Neustem ein nobler Vogt zu bestaunen ist.

Von Frauenfeld aus beherrschten die Landvögte das thurgauische Untertanengebiet als Gemeine Herrschaft, zogen Abgaben ein und richteten im Schloss über Leib und Leben. So erstaunt es nicht, dass diese eidgenössischen Vögte weder bewundert noch geschätzt waren. Im Gegenteil: Die Thurgauer nannten sie Langfinger. Konsequenterweise haben die Verantwortlichen im jungen Kanton Thurgau lange Zeit keine Bilder ausgestellt, welche die Vögte beispielsweise als Schlossherren zeigen, vielmehr wollte man sich explizit von der Zeit der Landvogtei abgrenzen.

Porträt eines Staatsmanns

Dem Historischen Museum Thurgau ist es im Rahmen des Jahresthemas «Bartli & Most. Landvögte im Thurgau» gelungen, das Porträt eines einflussreichen Landvogts in den Thurgau zu holen. Aus dem Museum des Landes Glarus stammt das Bildnis mit dem würdevoll dargestellten Johann Heinrich Streiff (1709–1780). Der Lachener Maler Martin Leonz Zeuger (1702–1776) porträtierte den Glarner Patron in seinem 43. Lebensjahr in leuchtend roter Uniform mit glänzenden Knöpfen und Spitzenhemd als gebildeten und souveränen Staatsmann. Seine linke Hand ruht in der Weste. Eine Pose, die im 18. Jahrhundert unter Männern chic war und auf das antike Ideal verweist, wonach das Sprechen mit den Händen als unhöflich galt. Auch die Steinarchitektur im Hintergrund mit der Inschrift 1752 deutet auf die Absicht des Landvogts hin, sich als «homme d'esprit» in Szene zu setzen. Selbst der geraffte Vorhang mit der Quaste über dem Kopf des Dargestellten offenbart dessen Selbstbewusstsein, denn solche Draperien finden sich sonst auf Herrscherporträts. Johann Heinrich Streiff hat eine eindrückliche Vita aufzuweisen, sein Blick ist entsprechend stolz und willensstark.

Glarner Noblesse im Thurgau

Streiff stammte aus einer angesehenen Glarner Familie und trat sein Amt in Frauenfeld 1768 an. Das Häuptergeschlecht der Streiff war bereits an der Schlacht bei Marignano 1515 beteiligt und prägte das Glarnerland in den folgenden Jahrhunderten politisch und wirtschaftlich. Die besondere Leihgabe aus dem Freulerpalast in Näfels nimmt im Gerichtssaal auf Schloss Frauenfeld einen prominenten Platz ein und bereichert im Themenjahr die aktuelle Ausstellung des Historischen Museums Thurgau.

Ein nobler Glarner im Schloss Frauenfeld: Johann Heinrich Streiff (1709–1780).
Ein nobler Glarner im Schloss Frauenfeld: Johann Heinrich Streiff (1709–1780).